Shitstorm Wochenende?

Ja, es sind also Leute bei der Loveparade ums Leben gekommen. Das ist nicht gut. Es wurde zu einem Boykott von bild.de aufgerufen. Das ist irgendwie gut. Aber einmal mehr hat Twitter, bzw. die Menge die Twitter benutzt (und ich meine damit die Teilmenge die ich mitkriege) bewiesen wie seltsam die Leute sind.

Ja, es sterben täglich auf der Welt Menschen. Aus den verschiedensten Gründen. Und seien wir mal ehrlich, keiner davon ist gut. Natürlich ist die Reaktion auf ein Geschehen wie die Loveparade anders als auf Tote in, nun, sagen wir mal Uganda. Die Loveparade ist näher, die Wahrscheinlichkeit dass man direkt oder indirekt betroffene Leute kennt, ist grösser. Deswegen ist es nicht schlimmer oder weniger schlimm. Man kann Menschenleben keine Wertigkeit zumessen, aber wir tun es ständig. Der Tod eines Vergewaltigers ist weniger schlimm als der Tod eines mishandelten 17Jährigen Mädchens. Der Tod eines Menschen mit dem wir in der Schule waren ist schlimmer als der Tod eines 6jährigen Jungens irgendwie in Afrika.

Es gab natürlich auch Leute, die erwähnt haben dass just in dem Moment als die ersten Leute auf der Loveparade totgetrampelt wurden, 5 Menschen irgendwo auf der Welt gestorben sind. Und sie haben Recht. Ist es wichtig das zu erwähnen? Vielleicht. Manchmal muss man Dinge in Relation sehen. Manchmal muss man nur seiner Betroffenheit Ausdruck verleihen. Und vielleicht sollten wir den Politikern und ihrer Phrasendrescherei dies auch zu gestehen. Die nächsten Tage werden die Zeitungs- und Blogartikel voll von diesem Thema sein. Schuldzuweisungen, Fingerzeigen, es wird sicher auch in Erwägung gezogen werden ob man Veranstaltungen dieser Grössenordnung verbieten sollte. Mehr oder weniger politisch kalkulierte Manöver um möglichst schnell das Bild der Hilflosigkeit in etwas Konstruktives zu verwandeln.

Im Nachhinein ist es immer leicht. Ohne jedes Fachwissen darüber bin ich mir sicher, dass Crowd Control unglaublich schwierig ist. Die Eigendynamik grosser Menschenmengen lässt sich nicht berechnen. Hätte man mehr tun können? Ich weiss es nicht, und ich bin sicher ein Grossteil der Journalisten und Blogger weiss es auch nicht, aber es wird gewiss jede Menge Experten dazu geben, geradezu aus dem Nichts.

Ärgerlich finde ich an der ganzen Sache, dass dieses Vorkommnis nun als grosse Tragödie gefeiert wird, und ich sage bewusst gefeiert. Andere Probleme rutschen nun gekonnt durch, Sparpaket zum Beispiel. Vom Oil Spill zu reden ist ja auch schon wieder total out. Interessiert sich noch jemand für die politische Situation im Iran? Was in Afghanistan los ist? Wie sich die Kirche und andere Instituionen in Sachen Kindesmishandlung betätigen? Und unsere A-List Blogger und Top Twitterer machen genauso mit. Die gleichen Leute, die sich gerne mal über unsere Nachrichtenmedien lustig machen, tragen ihren Teil bei. Erklärt mir nochmal jemand mit welchem Recht sie sich für besser, wichtiger, ‚more influental‘ halten als den Springer Verlag?

Und ganz nebenbei, wer erst jetzt merkt dass die Bildzeitung ein Blatt ist, das recht wenig Wert auf Pietät, Ethik und moralischen Anstand legt, der sollte sich fragen wo er oder sie die letzten Jahre eigentlich verbracht hat. Oder wer erst jetzt merkt dass Eva Herman offensichtlich ein Problem mit der Realitätswahrnehmung hat.

Insgesamt bin ich in einer Phase in der mich Menschen in der Masse einfach ankotzen. Diese teilweise simulierte Betroffenheit die wir an den Tag legen und in Wahrheit doch eher wenig Anteilnahme und Interesse verspüren. Natürlich ist es einfach zu sagen „oh Gott, wie schrecklich, das tut mir alles so leid“. Wieviele Leute, die aus Duisburg getwittert haben, haben sich überlegt ob sie hinfahren sollten um in irgendeiner Form zu helfen?

Oder wieviele Leute die das Sparpaket beschimpfen, würden in Kauf nehmen wenn die Last mehr auf die Besser- und Durchschnittsverdiener verteilt würde?

Wir sind meistens durchaus willig Solidarität und Anteilnahme zu äussern, und auch dafür auf die Strasse zu gehen. Aber bitte nur solange wir dabei nicht gestört werden, solange unsere Beiträge sich nicht erhöhen, so lange wir Mittelschichtler keine Abstriche in Kauf nehmen müssen.

Und auch wenn es darum geht Betroffenheit und Trauer und Anteilnahme zu zeigen, fragt euch mal wie eine Gedenkversammlung die von den Medien hübsch ausgeschlachtet wird, den Betroffenen helfen soll? (Vielleicht hilfts ihnen, ich hab keine Ahnung, ihr?)

… yet another Sonntags Rant

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