Mind the gap?

Es häuft sich, dieses wieder verstärkte Bewusstsein für Geschlechterproblematik. Von unbewussten vorurteilsbeladenen dummen Sprüchen – die ja gar nicht so gemeint waren – bis zu offener Anfeindung von FeministInnen.

Wie sieht das im Alltag aus? Muss man sich täglich gegen Vorurteile wehren? Ist es wirklich so schlimm oder werden im Internet häufig nur die krassen Einzelfälle geschildert? Fragen über Fragen.

Ich plaudere hier mal ein bisschen aus meinem Nähkästchen, da ich das Glück(?) habe, gleich mehreren sogenannten Randgruppen anzugehören, die da wären Frau, ausländisches Aussehen und keine Ausbildung in dem Beruf, den ich ausübe.

Meinen ersten Computerkontakt hatte ich mit dem C64 meines Bruders, meine erste Sprache war Tcl/Tk auf Linux und mein erster Editor war emacs.

Ich arbeite derzeit als Java Entwicklerin im Webumfeld. Begonnen habe ich 1997 nach einer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und der Erkenntnis das mir der Bürojob als solches nicht liegt.

In der Hochphase der Internetblase kam ich als Trainee bei ID Media unter, lernte dort im Eilverfahren HTML und PHP und zog damit ein wenig durch die Gegend, schaffte den Absprung von PHP und lernte in etwas weniger schnellen Eilverfahren Java, jsp, jsf und viele andere tolle dreibuchstabige Dinge.

Ich bin zwar relativ mädchenhaft erzogen worden, habe jedoch recht früh bei den Jungs die interessanteren Sachen gefunden, und mich lange Zeit gar nicht mit Geschlechtern beschäftigt. Ungerechtigkeit fiel mir in erster Linie im Familienumfeld auf mit dem älteren Bruder, der deutlich mehr Freiheiten hatte als ich.

Bei ID Media waren unter den Webentwicklern neben mir noch eine Frau. Bevor diese kam, fragte mich ein neuer Projektleiter mal „Stört es dich eigentlich nicht die einzige Frau unter den Programmierern zu sein?“ Nein, es störte mich nicht, es war mir nicht mal sonderlich aufgefallen. Bis zu dieser Bemerkung wurde ich auch meines Erachtens nach nicht anders behandelt und nebenan bei den Designern sassen jede Menge Frauen.

Bei einer späteren Firma war ich die Einzige, und dort hatte ich einen Kollegen der durchaus der Meinung war dass ich bei den Entwicklern nichts zu suchen hätte, ich hatte das jedoch mehr unserer persönlichen Animosität zugeschoben als meinem Geschlecht.

In einer anderen Firma traf ich dann einen Kollegen, der wiederum zwar willens war Frauen zu erlauben, jedoch dabei mindestens einen Dipl.Inf. Abschluss voraussetzte.

Trotz all dieser Begegnungen kam ich mir selten vor als würde ich grossartig anders behandelt. Im Nachhinein kann ich sagen, ja, ich wurde anders behandelt und ich habe mich auch anders benommen. Mehr Kampfgeist, mehr Willen, öfter das Gefühl etwas beweisen zu müssen, sowohl mir als auch anderen.

Denn auch ich hatte öfter mal das Gefühl, dies sei keine Branche für manche Frauen. Stop! Erst weiterlesen, dann aufregen 😉

Ich hatte gerade zu Anfang viele Frauen getroffen, die ihren Mädchenbonus ausgespielt haben, gut aussehend, grosse hilflose Rehaugen, und schon sind die Kollegen gesprungen. Da ich nie viel Wert auf Äusserlichkeiten, besonders bei mir selber, gelegt hatte, ging mir dieses Verhalten ganz schrecklich auf den Keks.

Wut gegenüber den springenden Kollegen und Wut gegenüber den Kolleginnen. „Ihr seid die Frauen, die unseren Ruf ruinieren“. Dieser Spruch ging mir oft durch den Kopf, sei es dabei wenn sich die Damen um Arbeit drückten, sei es bei dem bewussten dumm stellen bei Dingen wie Löcher bohren, schwerere Sachen von a nach b tragen, dem Programmieren des Videorekorders, dem günstigen Erwerben von Getränken, you name it.

Für mich war Feminismus immer ein schwieriges Thema, und ist es noch. Ich selber bin erst seit einigen Jahren soweit, dass ich sage, ja, ich kann im Rock auf die Arbeit gehen, aber ich muss trotz allem nicht kichern, pink mögen und quietschen, sondern ich kann meinen Job trotzdem. Ich kann aber auch in kaputten Hosen, Shirt und Turnschuhen gehen und bin trotzdem eine Frau, die ihren Job kann und macht.

Ja, für mich gibt es ein Gendergap wenn ich eine Weile darüber nachdenke. Aber kein sonderlich offensichtliches. Im Gehalt kann ich das nicht beurteilen, aber im Verhalten. Bei anderen, genauso aber bei mir. Daran arbeiten müssen beide Seiten meiner Meinung nach.

Was würde ich anderen empfehlen für ihren Arbeitsalltag?

Haltet euch vor Augen was ihr könnt, was ihr leistet. Daraus ergibt sich was euch zusteht. Respekt und Anerkennung bekommt man nicht durch einen Abschluss oder Geschlecht oder Konfektionsgrösse. Das erarbeitet man sich. Das gilt für alle. Es mag euch vorkommen, als würden andere dafür weniger arbeiten müssen, das ist nicht gerecht. Aber es sind nicht immer nur Geschlechterfragen. Manchmal ist es der mangelnde Abschluss oder der andere Abschluss, manchmal ist es die Arbeit die ihr in einem Projekt erledigt.

Verteidigt eure Arbeit, nicht euer Geschlecht. Beweist eure Kompetenz und euer Wissen. Nehmt nicht alles persönlich, unterscheidet zwischen arbeitsbezogener Kritik und persönlicher Kritik. Analysiert ob der Kollege gerade euch oder eure Arbeit beleidigt habt. Trennt auch eure Reaktion entsprechend auf. Ihr braucht keine Haare auf den Zähnen, aber Durchsetzungsvermögen.

Mit genügend Sensibilisierung fällt einem mehr auf. Jetzt kann man natürlich ketzerisch fragen, ob das mit der erhöhten Sensibilisierung so klug ist.

Es ist nicht unbedingt leicht, aber es wird leichter. Und jede von uns kann beweisen, dass Frauen durchaus die Jobs machen können, die sie haben.

Mein Wunschdenken? Erst Mensch, dann Geschlecht. Wo war nochmal dieser Ponyhof von dem alle reden?

Disclaimer:

Dieser Artikel war eigentlich als Gastbeitrag für ein Genderblog gedacht, wurde dort abgelehnt aus Gründen, die ich teilweise nachvollziehen kann. Da ich unwillig war ihn wegzuwerfen, isser nun eben hier, auch wenn es sich teils um Wiederholungen bisheriger Artikel handelt.

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4 Gedanken zu “Mind the gap?

  1. Pingback: Links (3) « sanczny

  2. Schönen Dank für diesen Bericht aus der Programmierwelt! Ich habe bemerkt, wie ich den Gender Gap gerne offen gehalten hätte, nämlich mit Scheinargumenten wie, ‚was ist denn mit Leuten, die nicht arbeiten können, haben die nicht auch Respekt verdient?‘. Aber ich denke, Sie haben vollkommen Recht damit, dass es in der Arbeitswelt auf die Arbeit und die Fähigkeiten ankommen sollte und Frauen deswegen oft dazu gezwungne werden, sich gegen die Anwendung anderer Kriterien zur Beurteilung der Arbeit zu wehren. (Zumindest viel häufiger als Männer, wenn diese nicht offen gay oder anders gläubig sind oder keine weiße Hautfarbe haben.
    Ich denke außerdem, dass es zwar den Gender Gap auch in allen anderen Lebensbereichen gibt, aber die waren hier eben nicht Thema.

    • mir ist durchaus bewusst, dass der Artikel keinesfalls frei von Vorurteilen meinerseits ist und einige Äusserungen sicher diskutabel sind. Es ist aber nunmal ein sehr subjektiver Einblick, mich würde durchaus interessieren, wie es anderen Frauen in ähnlichen Jobs und Situationen geht

      • Mein Kommentar sollte auch gar nicht negativ klingen, was der letzte Satz vielleicht tat. Sorry for this. Ich finde den Text sehr gut, gerade weil er so subjektiv ist.

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