Guten Tag, ich bin nicht totkrank

Meine Güte. Es irritiert mich immer ein wenig, wenn ich länger mit manchen Leuten keinen Kontakt habe, und diese dann mit einem vertrauensvollen Halbflüstern fragen „Und, wie geht es dir?“ Meine Antwort ist dann entsprechend abhängig von der Tagesform. Nach dem abwartenden Blick fällt mir dann ein, um was es eigentlich geht. Huch, ‚tschuldigung, hab ich vergessen.

Also noch mal für alle: ich habe keinen Krebs mehr. Ich bin körperlich so gesund wie es meinen Lebensumständen entsprechend möglich ist. Also ich meine das Rauchen, Trinken, etc …

Meine geistige Gesundheit würde ich an dieser Stelle gerne ausnehmen 😉  Ja, ich bin noch regelmässig im Krankenhaus, das ist aber regulärer und harmloser aber lästiger Kram. Und nein, ich brauche keine besorgten Blicke, die hab ich da nicht gebraucht, jetzt erst recht nicht. Ich bin nicht totkrank, ich bin nicht chronisch krank, ich bin nicht einmal verletzt. Sogar mein Behindertenausweis läuft nächstes Jahr ab.

Wollte ich nur eben mal losgeworden sein. Weil nervt.

Celebrity mit Brustkrebs? Please STFU

Ich mag es nicht mehr lesen und nicht mehr hören. Die kleine Wanderfahrt (deren Namen ich weder tippen noch aussprechen kann), Kylie Minogue (oder so ähnlich), Anastacia, etc etc und jetzt auch die Jolie. Und schon machen Zeitungen wieder Wirbel, die Jolie hat es gestern sogar in die Tagesschau geschafft.

Ok, jetzt noch mal für’s Protokoll und für alle. Brustkrebs ist (zumindest in DE) eine der häufigsten Krebserkrankungen bei Frauen. Und eine der untödlichsten Krebsarten. Wer die Auswahl bekommt zwischen Brustkrebs, Lungenkrebs, Darmkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs, möge bitte das Tor Brustkrebs nehmen.

„Horrordiagnose“. Nein. Definitiv keine Sache bei der frau danach vor Freude eine Flasche Schampus köpft, aber es ist im seltensten Fall der Untergang der zivilisierten Welt. Es gibt Behandlungsmöglichkeiten  – keine davon ist mit einem 4wöchigen all-inclusive Urlaub auf den Malediven gleichzusetzen – die wirksam sind.

Liebe Medien, jedesmal wenn ihr „mutige Entscheidungen“ nach „Horrordiagnose Brustkrebs“ bejubelt, gibt es Hunderte von Frauen die sich ziemlich verarscht fühlen dürften.

Auch wenn ich mich wiederhole, nicht jede Frau schwimmt in Geld und kann sich – besonders präventive – Behandlungen einfach so leisten.

Der Gentest der gerade als Wunderwaffe gelobt wird, ist keine Wunderwaffe. Es wird auf zwei, also 2, bekannte Gene getestet, sind diese nicht vorhanden und ist der familiäre Hintergrund nicht ganz klar, ist die Risikoeinstufung total für die Füsse. Wer dennoch präventiv etwas machen will, müsste das aus eigener Tasche bezahlen.

Die Bäckereifachverkäuferin ist oftmals nicht privat versichert, da lacht die Krankenkasse sie also hübsch aus wenn sie sagt „öh, könnt ihr mir wohl präventiv die Brüste abbauen?“

So wenig ich dagegen habe, wie ihr Brustkrebs „Awareness“ betreibt, soviel habe ich dagegen wie ihr dies durchführt. Ich für meinen Teil möchte nicht, dass in den Köpfen der Leute ankommt „ahjo, machste nen Test, lässt die abmontieren und gut ist“

Krebs – egal welcher – ist eine dumme Pottsau, der Umgang damit niemals leicht, aber hört auf uns irgendwelche stinkreichen Weiber vorzuführen, die von vielen Problemen der betroffenen Frauen keine Ahnung haben und hört auf so zu tun als müsse frau das jetzt genau so machen. Egal ob Perücken aus Echthaar für 2000 Euro, dank personal Trainer binnen 2 Wochen nach Chemo wieder fit und gesund, oder sonst was, berichtet ehrlich oder haltet verdammt nochmal die Fresse Presse.

Lest doch mal hier in der Kategorie „kranklog“, schaut doch mal in Foren, schaut mal in andere Blogs, so läuft es nämlich wirklich ab. Reality: meet Medien, Medien: meet Reality.