Ein Junge, ein Mädchen, ein Ozean

Ich bin Neil Gaiman Fan. Das ist auch gut so. Ich bin so sehr Fan, dass ich dem Gespielen untersage mir das neue Buch vorzulesen, weil es ein Hörbuch gibt, das Gaiman selber liest. Das hat er beim Graveyard Book getan, das war wundervoll, und beim Ocean at the End of the Lane hat er es wieder getan. Ich lasse mir doch nicht vom Gespielen vorlesen, wenn der Autor – der zum Glück sehr gut lesen kann – es selber vor liest!

Ich habe mich auf das Buch gefreut, ich habe die Review (eines Buches und einer Ehe) von Amanda Palmer nur sehr grob überflogen und bin allen sonstigen Reviews aus dem Weg gegangen, um nur ja nichts zwischen das Buch und mich kommen zu lassen. Reviews formen Vorstellungen, Erwartungen und Meinungen. In manchen Fällen will ich das nicht. Gerade bei Gaiman Geschichten sollte man das meiner Meinung nach auch nicht tun. Es ist viel schöner seine Geschichten zu lesen, in der Erwartung einer guten Geschichte und sonst nichts.

Ich habe letztens gehört, dass manche zu Verkaufszwecken Anansi Boys als eine Fortsetzung von American Gods bezeichnen. Schande über Euch!! kann ich da nur sagen. Bisher hat er in Buchform noch keinen Mehrteiler geschrieben. Er nimmt mal Charaktere und gibt ihnen eine eigene Geschichte, das ist aber keine Fortsetzung! Und vielleicht ist es gut, dass er keine Fortsetzungen schreibt.

Egal, Ocean. Wunderbar. Seltsam. Wunderbar seltsam. Ich habe eben Amanda’s Review gelesen und freue mich für sie. Im Gegensatz zu uns, hat er ihr scheinbar etwas erklärt. Aber ich beneide sie nicht darum. Ich kann das Buch mehrmals lesen, hoffentlich immer wieder etwas entdecken, was ich übersehen habe. Ganz verstehen werde ich es – hoffentlich – nie.

Mal sehen wie sich das entwickelt, zu American Gods gibt es eine Webseite, die die Gottheiten sammelt, erklärt und belegt. Vielleicht gibt es irgendwann eine Seite, die den Ocean erklärt. Vielleicht sollte ich sie gar nicht ansehen. Das Buch liess mich in einer Mischung aus Zufriedenheit, Verwirrung, Frustration und Trauer zurück. Aber nicht auf eine unangenehme Art.

Es ist halt eine Gaiman Geschichte, qualitativ ist sie meiner Meinung nach sehr nahe an American Gods, zu vergleichen sind sie inhaltlich überhaupt nicht.

Es ist die Geschichte eines Jungen, der ein Mädchen trifft, ihre Mutter und deren Mutter. Und ihren Ozean der ein Teich ist. Oder eben auch nicht. Die Geschichte eines Selbstmordes, einer Familie, eines Kindermädchens. Eine Geschichte darüber wie Kinder die Welt sehen, wie sie ihr entfliehen. Eine Geschichte über Grenzen. Eine Geschichte die einmal mehr zeigt, wie wichtig Fantasie ist, wie hilfreich. Wie traurig es ist, ihr Grenzen zu setzen, sie zu verlieren, sie aufzugeben. Eine Geschichte über den Konflikt von Realität, wie wir sie als Menschen wahrnehmen und von Realität wie sie vielleicht in Wahrheit ist.

Wer das nicht liest, ist doof selber schuld.