Für das Gegenteil von „Knutschverbot“

Es gab gestern mal wieder bei Twitter eine Diskussion wegen einer Sache die als „Knutschverbot“ hochgeschaukelt wurde, letztlich ging es aber afaik darum dass wir Heteros durch Zurückhaltung in der Zurschaustellung unserer Beziehung Solidarität mit Schwulen und Lesben bzw. schlicht anderweitig orientierten zeigen sollen, oder so ähnlich.

Während ich das schreibe überlege ich gerade ob ich präventiv die Kommentarfunktion abschalten sollte, weil ich mir evtl. gerade einen Mini Shitstorm an’s Bein tippe.

Denn ich halte nichts davon diese Zurückhaltung als Solidarität zu bewerten, Zurückhaltung übt man oder übt man nicht, aus den verschiedensten Gründen. Und ich als Hete hätte da eine ganz andere Forderung. Mehr öffentliches Zurschaustellen der anderen. Egal ob schwul, lesbisch, bi, transgender, etc. Jawohl.

Und ja, ich bin mir sicher dass ist viel leichter gesagt als getan. Aber kurz mal zur Erklärung. Als ich früher mehr Freunde hatte die schwul waren, sind diese damit ziemlich offen umgegangen. Auf unterschwellig aggressive Art. Wir hatten den Vorteil grösstenteils in Umgebungen zu sein, in denen das unproblematisch war.

Letztes Jahr war ich hier in Wü auf dem Umsonst und Draussen, dort ist mir exakt 1 Frauenpärchen aufgefallen. Was aber nichts heissen muss, da ich öfter mal ziemlich blind durch die Gegend laufe.

Ich würde mir wünschen, dass „ihr“ das einfach offener und öfter macht, ich denke nur indem wir (= ihr und alle anderen die damit überhaupt kein Problem haben) die Öffentlichkeit daran gewöhnen, kriegen wir das in die Köpfe hinein auch homosexuelle Paare entspannter zu betrachten.

Wir haben 2013, die Rechtslage verbessert sich (zu) langsam, aber sie bessert sich. Ich glaube es wird Zeit der Allgemeinheit klar zu machen, dass schwule Männer nicht nur Celebrities, D-Promis und andere Männer im Rampenlicht der Medien sind, sondern dass auch der Typ der unter mir wohnt schwul ist und mit dem etwas übergewichtigen Kerl mit 3 Tage Bart eine glückliche Beziehung führt. Dass Lesben nicht zwangsläufig kurzhaarige Fussballerinnen sind. Weg von den Klischees, versteckt euch nicht, nehmt euer Recht wahr. Knutscht in der Öffentlichkeit, lauft händchenhaltend beim Sonntagsspaziergang rum, lasst kitschige Fotos von euch machen, Candlelight Dinners, schenkt euch am Valentinstag in aller Öffentlichkeit Blumen (das mit den Blumen an Valentinstag ist sehr sehr optional). Tretet das Image mit Füssen. Nur wenn die Leute es häufiger sehen in all ihren Varianten, werden sie lernen, dies als „normal“ zu akzeptieren. Wir haben 2013, es ist allerhöchste Zeit!

Ja, ich hab da leicht reden heisst es jetzt. Ich bin ja nicht betroffen und so. Ich hab ja keine Ahnung wovon ich rede. Jap. Ich wurde noch nie wegen meiner sexuellen Ausrichtung angepöbelt, angestarrt, etc. Ich wurde angepöbelt und angestarrt wegen dem offensichtlichen Ausländer sein. Kommt mir also nicht damit, dass ich keine Ahnung hätte was Randgruppe sein bedeuten kann. Und ja, mir ist bewusst dass dies nicht das Gleiche ist. Homophobie ist eine völlig andere (und ebenso schwachsinnige) Sache als Ausländerfeindlichkeit.

Trotzdem glaube ich dass die Leute sich nur umstellen wenn man ihnen vorführt wie unspektakulär das ganze eigentlich ist. Sicher ist die Umsetzung einer Frage der eigenen Persönlichkeit, wie dickfellig man ist, in welcher Stadt man lebt, in welchem Umfeld man damit beginnen kann. Aber es hilft glaube ich keinem wenn in kleinen Räumen die Rechte diskutiert werden, wenn nur am Christopher Street Day mal „die Hüllen“ fallen, wenn das Theme sexuelle Ausrichtung ausserhalb der Heterosexualität ein Mythos bleibt, der in den Köpfen der Leute nur die seltsamsten Bilder suggeriert.

Für die Generation jetzt mag das stellenweise noch die Hölle sein, sich derart zur Schau stellen zu müssen, denn so werden es manche sicher empfinden. Aber wie wollen wir zu einer Welt in der ein Kind völlig selbstverständlich im Kindergarten erklärt 2 Mütter oder 2 Väter zu haben, wenn wir heute noch überlegen wieviel Rücksicht die Heteros auf die Homosexuellen haben müssen? Nehmt ihr mal keine Rücksicht auf die Verbohrtheit, auf die Kleinkariertheit, auf die unterschwellige Homophobie. Lebt es vor ihren Augen aus, lasst sie spüren dass sie diejenigen sind, bei denen etwas unrund läuft weil sie damit nicht klar kommen. Lasst sie spüren dass die Zeiten sich geändert haben und ständig weiter ändern, nicht ihr seid das Problem.

2013. Knutscht verdammt nochmal.